Motorrad · Mallorca
Cap Formentor und der Norden Mallorcas: Kurvenbuch für Motorradfahrer
Eine Halbinsel aus Kalkstein, eine Gebirgsstraße über die höchsten Stauseen der Insel und eine Bucht, zu der zwölf Kilometer Kehren hinunterführen. Der Norden Mallorcas ist an einem Tag zu fahren und in einer Woche nicht ausgefahren.

Wer Mallorca nur aus der Ebene um Palma kennt, unterschätzt, wie steil die Insel im Norden wird. Zwischen Pollença und Sóller schiebt sich die Serra de Tramuntana bis knapp unter 1.450 Meter, und die Straßen, die sie queren, wurden in den Fels gesprengt, als an Motorradtourismus noch niemand dachte. Dieses Stück ist ein Kurvenbuch für genau diesen Teil: die Halbinsel Formentor, die Ma-10 zwischen Pollença und Sóller, der Abstecher nach Sa Calobra und Alcúdia als ruhiger Gegenpol. Die große Inselrunde für Cruiser steht im Ressort Harley, hier geht es um die Strecken selbst und darum, wie man sie fährt.
Die Ma-2210 zum Cap Formentor
Die Straße beginnt am Kreisverkehr von Port de Pollença und endet nach knapp zwanzig Kilometern am Leuchtturm auf der äußersten Landspitze. Der erste Anstieg führt in engen Bögen auf den Kamm, und schon nach wenigen Minuten liegt der Mirador Es Colomer, eine Aussichtsplattform über senkrecht abfallenden Klippen. Der Parkplatz ist klein und im Sommer schnell voll, mit dem Motorrad findest du meist trotzdem eine Lücke. Dahinter senkt sich die Straße durch Kiefernwald zur Platja de Formentor, steigt wieder an, führt durch einen kurzen Tunnel unter dem Fumat hindurch und windet sich auf dem letzten Stück in Schleifen über den Grat bis zum Leuchtturm.
Fahrerisch ist die Ma-2210 schmal, unübersichtlich und an vielen Stellen ohne Leitplanke. Der Asphalt ist ordentlich, die Ränder sind es nicht: Schotter, abgebrochene Kanten und in den Kehren gern ein Streifen Sand. Das Tempo bestimmen ohnehin die anderen. Mietwagen halten mitten auf der Fahrbahn für ein Foto, Ziegen stehen auf der Straße, und auf dem letzten Abschnitt kommt dir in jeder zweiten Kurve jemand entgegen, der die Linie nicht hält.
Die Zufahrtsregelung im Sommer
Seit einigen Jahren regelt die spanische Verkehrsbehörde DGT die Zufahrt zum Leuchtturm in der Saison. 2026 galt die Regelung vom 15. Mai bis zum 18. Oktober, täglich von 10 bis 22 Uhr, auf der Ma-2210 zwischen Kilometer 2 und dem Leuchtturm. Der erste Abschnitt bis zur Platja de Formentor bleibt für Privatfahrzeuge offen, solange auf dem Parkplatz am Strand Plätze frei sind. Ist er voll, schließt die Schranke. Der zweite Abschnitt vom Strand bis zum Leuchtturm, mit der Schranke bei Kilometer 8,7, ist in dieser Zeit nur für berechtigte Fahrzeuge frei: den Linienbus, Anwohner, Fahrräder, Einsatzfahrzeuge und Fahrzeuge mit Behindertenausweis.
Motorräder stehen nicht auf dieser Liste. Sie werden behandelt wie Autos, und das gilt für Mietmotorräder genauso. Wer den Leuchtturm in der Saison selbst anfahren will, muss vor zehn Uhr durch sein. Die DGT nennt als Maßstab, dass man um 9:58 Uhr mindestens Kilometer 8,6 erreicht haben muss, wer später kommt, kassiert ein Bußgeld. Halten und Parken außerhalb markierter Flächen wird ebenfalls geahndet, auch wenn nur ein Rad auf der Fahrbahn steht. Außerhalb der Saison, also ab dem 19. Oktober bis zum Beginn der nächsten Regelung, ist die Straße wieder frei befahrbar. Die Daten werden jedes Jahr neu festgelegt, 2026 begann die Regelung zwei Wochen früher als in den Jahren davor. Vor der Reise lohnt deshalb ein Blick auf die Seite der DGT zum Zugang zum Faro de Formentor.
Für die Praxis heißt das: Im Sommer um acht Uhr in Port de Pollença starten, am Leuchtturm eine Viertelstunde stehen bleiben und zurückfahren, bevor die Busse kommen. Die Schranke regelt die Einfahrt, nicht die Rückfahrt, und die ist ohnehin der schönere Teil, weil du dann die Bucht von Pollença vor dir hast.
Formentor gehört dem, der früh aufsteht. Um neun Uhr hast du die Straße für dich, um elf teilst du sie mit der halben Insel.
Pollença und der Weg in die Berge
Pollença selbst ist eine Kleinstadt mit engen Gassen, einer Kalvarientreppe und Parkregeln, die man mit dem Motorrad großzügiger auslegen kann als mit dem Auto, aber nicht beliebig. Von hier führt die Ma-10 nach Westen ins Gebirge. Die ersten Kilometer laufen durch Olivenhaine und Steineichen, dann steigt die Straße in gleichmäßigen, gut einsehbaren Kurven, die eher an einen Alpenpass als an eine Küstenstraße erinnern. Nach gut zwanzig Kilometern erreichst du das Kloster Lluc, das spirituelle Zentrum der Insel und für Motorradfahrer der natürliche erste Halt: Parkplatz, Café, Brunnen, Schatten.
Von Lluc nach Sóller ist die Ma-10 das, was die Insel an Gebirgsstraße zu bieten hat. Sie passiert die beiden Stauseen Gorg Blau und Cúber, führt an den Flanken des Puig Major entlang, des mit rund 1.440 Metern höchsten Bergs der Insel, dessen Gipfel militärisch gesperrt ist, und unterquert ihn in einem Tunnel auf knapp 900 Metern. Der Tunnel gilt als höchster Punkt, den man auf Mallorca auf einer öffentlichen Straße erreicht. Danach fällt die Straße in langen Kehren Richtung Sóller ab, mit dem Mirador de Ses Barques als letztem Aussichtspunkt über dem Tal und dem Meer. Die Strecke von Pollença bis Sóller misst gut fünfzig Kilometer und braucht ohne Pausen rund anderthalb Stunden. Mit Pausen ist es ein halber Tag, und das ist die richtige Zeit dafür.
Sa Calobra als Abstecher
Zwischen Lluc und dem Gorg Blau zweigt die Ma-2141 nach Sa Calobra ab. Die Straße steigt zunächst auf den Coll dels Reis, 682 Meter, und fällt dann auf rund zwölf Kilometern zum Meer ab, mit gut fünfzig Kurven, die meisten davon Kehren. Gebaut wurde sie in den 1930er Jahren nach Plänen des Ingenieurs Antonio Parietti, berühmt ist sie für den Nus de sa Corbata, den Krawattenknoten, an dem die Straße in einer 270-Grad-Schleife unter sich selbst hindurchführt.
Unten wartet eine Bucht mit Restaurants, Parkplätzen und dem Zugang zur Schlucht des Torrent de Pareis. Zurück geht es auf derselben Straße, eine andere gibt es nicht. Ob sich der Abstecher lohnt, hängt von der Uhrzeit ab. Vor zehn Uhr und am späten Nachmittag ist Sa Calobra eine der großen Motorradstraßen Europas. Dazwischen fahren Reisebusse, die in den engen Kehren beide Fahrspuren brauchen, und im Frühjahr Gruppen von Rennradfahrern, die den Anstieg als Prüfstein betrachten. Wer mittags hier ist, verbringt einen Teil der Zeit damit, in einer Kehre zu warten, bis der Bus durch ist.
Alcúdia als ruhiger Gegenpol
Alcúdia liegt rund zehn Kilometer südöstlich von Port de Pollença und ist der gute Ort, um den Tag zu beginnen oder zu beenden. Die Altstadt hinter der restaurierten Stadtmauer ist am Abend lebendig und trotzdem überschaubar, im Hafen gibt es mehr Auswahl beim Essen als in Pollença. Für einen kurzen Ausflug führt eine schmale Straße auf die Halbinsel bis zur Ermita de la Victòria, mit Blick über die Bucht von Pollença hinüber nach Formentor. Wer in Alcúdia oder Port de Pollença wohnt, hat den Leuchtturm am Morgen vor der Haustür und erreicht Lluc in einer Dreiviertelstunde.
Fahrtechnik für den Norden
- Haarnadeln. Auf der Ma-10 sind die meisten Kehren weit und gut einsehbar, auf der Ma-2141 und am Ende der Ma-2210 sind sie eng und oft blind. Weit außen anfahren, spät einlenken, den Blick zum Kurvenausgang und im zweiten Gang mit leichtem Zug durch die Kehre. Bergab die Geschwindigkeit vor der Kehre abbauen, nicht in ihr.
- Bus- und Radverkehr. Ein Reisebus in einer engen Kehre braucht die ganze Straße. Halte vor der Kehre an, wenn du ihn kommen siehst, und gib ihm Platz. Rennradfahrer sind von Februar bis Mai in großer Zahl unterwegs, auch in Gruppen nebeneinander. In Spanien gilt beim Überholen von Radfahrern ein Seitenabstand von mindestens 1,5 Metern.
- Straßenbelag. Der Asphalt in der Tramuntana ist meist gut, aber an vielen Stellen glatt gefahren und mit Kalksteinsplitt versetzt. Nach langer Trockenheit macht der erste Regen die Straße seifig. In den Kehren, in denen Busse rangieren, liegt gern ein Film aus Öl und Diesel, und Steinschlag ist auf der Ma-10 nach Regen keine Seltenheit.
- Wind. Der Norden ist offen für den Tramuntana-Wind. Auf dem Grat zum Leuchtturm und an den Aussichtspunkten kommen Böen ohne Vorwarnung aus dem Tal. Lenker locker halten und Knie an den Tank, dann korrigiert das Motorrad die meisten Stöße von selbst.
- Licht und Hitze. Im Hochsommer zwischen Mittag und vier Uhr ist die Tramuntana heiß, und die Tunnel sind dunkel. Getönte Visiere taugen am Morgen, im Tunnel unter dem Puig Major sind sie ein Nachteil.
Welches Mietmotorrad passt
Für den Norden Mallorcas ist die Wahl weniger eine Frage der Leistung als der Handlichkeit. Eine Reiseenduro wie eine BMW R 1300 GS oder F 900 GS bietet die aufrechte Sitzposition, den Überblick über Mauern und Mietwagen hinweg und den Federweg für die Flickstellen in den Kehren. Wer zu zweit fährt oder mit Gepäck von Hotel zu Hotel zieht, ist damit richtig. Für kleinere Fahrerinnen und Fahrer gibt es Reiseenduros mit niedriger Sitzhöhe, etwa die F 800 GS in tiefer Ausführung.
Ein Roadster ist die bessere Wahl, wenn du allein fährst, von einem festen Standort aus Tagesrunden drehst und vor allem Kehren fahren willst. Eine F 900 R, eine R nineT oder auch eine leichte KTM 390 Duke oder Triumph Speed 400 sind in den engen Kehren von Sa Calobra und Formentor wendiger, lassen sich in der Schlange vor einem Bus leichter rangieren und sind auf den kurzen Etappen der Insel nicht untermotorisiert. Ein Cruiser wie die Honda Rebel funktioniert auf der Ma-10 gut, auf Sa Calobra verlangt er wegen der geringen Schräglagenfreiheit Geduld.
Mietmotorräder gibt es auf Mallorca bei mehreren Vermietern, viele davon nahe dem Flughafen Palma, manche liefern das Motorrad auch zum Hotel oder zur Finca. Die Bedingungen unterscheiden sich deutlich: Führerscheinklasse, Mindestalter und Fahrpraxis, Höhe der Kaution, Kilometerregelung, welche Schutzkleidung im Preis enthalten ist und ob es Seitenkoffer oder ein Navigationsgerät gibt. Das alles beim jeweiligen Vermieter prüfen, bevor man bucht, und die Maschine am ersten Tag auf dem Hof in Ruhe einstellen. Wer eine A2-Klasse hat, findet auf der Insel auch leichte Modelle in dieser Klasse, und mit ihnen sind die Kehren von Sa Calobra kein Nachteil. Vom Flughafen bis Port de Pollença ist es über die Ma-13 gut eine Stunde.
Tankstellen
Die Insel ist klein, die Tankstellen im Gebirge sind es auch: Rechne zwischen Pollença und Sóller nicht damit, eine zu finden, und auf der Halbinsel Formentor gibt es keine. Tanke deshalb in Port de Pollença, Pollença oder Alcúdia voll, bevor du in die Berge fährst, und wieder in Sóller oder auf dem Weg zurück nach Palma. Eine Runde Port de Pollença, Formentor, Lluc, Sa Calobra und Sóller kommt auf rund 130 Kilometer, das schafft jedes Motorrad mit einer Tankfüllung, aber Reserven in den Kehren fühlen sich anders an als auf der Autobahn. Am Sonntag und in kleinen Orten haben manche Stationen nur Automaten, eine Karte mit PIN ist dann Pflicht.
Ein Tag im Norden
Ein guter Tag beginnt um acht in Port de Pollença mit Formentor und dem Leuchtturm, zurück in Pollença zum zweiten Frühstück. Danach die Ma-10 nach Lluc, Pause im Kloster, der Abstecher nach Sa Calobra, wenn es vor elf ist, sonst später auf dem Rückweg. Weiter über die Stauseen und unter dem Puig Major hindurch nach Sóller zum Mittagessen. Am Nachmittag entweder dieselbe Straße zurück, die in Gegenrichtung eine andere ist, oder über den Coll de Sóller nach Palma. Wer die Strecke als Linie für die Karte sucht, findet sie im Routenbuch.
Häufige Fragen
Dürfen Motorräder im Sommer zum Leuchtturm am Cap Formentor?
In der Saison nicht zwischen 10 und 22 Uhr. 2026 galt die Regelung vom 15. Mai bis 18. Oktober, Motorräder stehen nicht auf der Liste der berechtigten Fahrzeuge. Vor zehn Uhr und außerhalb der Saison ist die Zufahrt frei. Die Daten werden jährlich neu festgelegt, aktuelle Angaben stehen bei der DGT.
Reicht ein Tag für den Norden Mallorcas?
Für Formentor, die Ma-10 und Sóller ja, mit frühem Start. Mit Sa Calobra und Alcúdia sind zwei Tage entspannter, und wer die Straßen in beiden Richtungen fahren will, plant drei.
Reiseenduro oder Roadster für Mallorca?
Zu zweit oder mit Gepäck die Reiseenduro, allein und für Tagesrunden von einem festen Standort aus der Roadster. In den engen Kehren von Sa Calobra und Formentor ist ein leichtes Motorrad im Vorteil.


